Kleine Urlauber – große Probleme? Fernreisen mit Kindern

Einer der ersten Grundsätze, die Medizinstudenten in der Kinderheilkunde hören, lautet schlicht:
Kinder sind keine kleinen Erwachsene!“ Was so banal klingt, birgt viele Konsequenzen. Es reicht eben nicht aus, bei Medikamenten die Erwachsenendosis einfach zu reduzieren, die Belastungsgrenzen des Erwachsenen als Grundlage zu nehmen oder die Bedingungen für das eigene Wohlfühlen auf die Kinder zu übertragen. Bei Fernreisen und dem Anpassen an andere Bedingungen im Ausland spielt diese Tatsache eine große Rolle. Reisende Kinder sind keine Miniausgabe der reisenden Eltern – was Vorbereitung, Belastung, Anpassung und dergleichen betrifft.

Worauf ist besonders zu achten?

Kinder sind vor allem durch Infektionen stärker gefährdet, da ihr Abwehrsystem oft noch nicht ausgereift ist und im kindlichen Organismus gegen viele, auch harmlose Infektionen noch keine Abwehrstoffe aus früheren Erregerkontakten existieren.

Außerdem reagieren Kinder weitaus sensibler auf Veränderungen im regulären Tagesablauf und im Ernährungsregime. Besonders zu beachte ist, dass bei Kindern eine andere Relation zwischen Körperoberfläche und Körpergewicht besteht. Relativ gesehen ist die Hautoberfläche größer als beim Erwachsenen. Das bedeutet, dass die Gefahr von Flüssigkeitsverlusten durch Schwitzen, das Risiko von negativen Umwelteinflüssen (auch zu intensiver Sonnenstrahlung) größer ist. Die „Reserven“ des kindlichen Organismus sind auch geringer als beim gesunden Erwachsenen. Ein Durchfall bei kleinen Kindern ist wegen des Flüssigkeits- und Salzverlustes daher weitaus bedrohlicher.

Schutz vor Infektionen

Vor einer Fernreise mit Kindern sollte unbedingt mit einem Arzt besprochen werden, welche Schutzmaßnahmen sinnvoll sind. Nicht jede mögliche Impfung kann im konkreten Falle beim jeweiligen Reiseziel sinnvoll sein. Auch Impfungen bergen gewisse Risiken, und die sollten nicht höher als das Erkrankungsrisiko sein.

Vor jeder Fernreise muss der Impfausweis des Kindes kontrolliert werden. Die von der Staatlichen Impfkommission empfohlenen Standardimpfungen, die im jeweils aktuellen Impfkalender enthalten sind, müssen durchgeführt worden sein. Dazu zählen die Schutzimpfungen gegen:

  • Diphtherie,
  • Wundstarrkrampf,
  • Keuchhusten,
  • Kinderlähmung,
  • Masern,
  • Mumps,
  • Röteln und
  • Haemophilus influenzae B (HiB).

Diese „Routineimpfungen“ – es sind staatliche empfohlene Impfungen, aber keine gesetzlich vorgeschriebenen Pflichtimpfungen! – sollten je nach Reiseland und konkreter Situation durch individuell empfohlene Reiseimpfungen ergänzt werden.

Zu beachten ist allerdings, dass es für Reiseimpfungen auch Altersbeschränkungen gibt. Für die Standardimpfungen sind die Impfzeitpunkte im Impfkalender geregelt. Informieren Sie sich bei der STIKO über die jeweils aktuellen Impfempfehlungen.

Die Malariagefährdung ist bei Kindern besonders zu beachten. Die sogenannte Malaria tropica kann für sie häufig einen sehr bösartigen Verlauf nehmen. Die Vorbeugemedikation (Chemoprophylaxe) und das Verhindern von Mückenstichen (Expositionsprophylaxe) in Hochrisikogebieten sind daher für Kinder sehr wichtig.

Kinder fiebern zwar leichter als Erwachsene, aber bei unklarem Fieber in tropischen Reiseländern muss sofort ein Arzt aufgesucht werden. Die Selbstbehandlung mit fiebersenkenden Mitteln ist riskant und sollte unterbleiben, um die Diagnostik nicht zu erschweren. Ist die Arztkonsultation nicht sofort möglich (Trekking-Reisen), dann sollte das Fieber eventuell mit Ibuprofen-Saft oder Paracetamol-Zäpfchen (Nachfragen in der Apotheke vor Abreise) kurzzeitig gesenkt werden.
Generell muss jedoch aus medizinischer Sicht eingeschätzt werden, dass strapaziöse Camping-, Abenteuer- oder Trekking-Urlaube mit schwierigen hygienischen Bedingungen für kleine Kinder nicht zu empfehlen sind!

Weitere besondere Gefahren für Kinder bei Fernreisen

  1. Kinder wollen unbedingt baden – das ist bekannt. In stehenden tropischen Gewässern wimmelt es jedoch oft von gefährlichen Parasiten. Da das Wasser nicht fließt, können sich die Erreger gut vermehren. Es besteht also ein sehr hohes Erkrankungsrisiko. Kinder sollten daher in stehenden Freigewässern (Seen, Teiche, Kanäle) nicht baden. Im Meer, in Flüssen oder den Pools besteht dieses Risiko kaum. Es ist übrigen auch kein Beleg für die Ungefährlichkeit des Wassers, wenn einheimische Kinder das Nass genießen. Ihre Abwehrlage ist meist anders.
  2. Die relativ große Hautoberfläche des kindlichen Organismus und die zarte, dünne Haut gefährden sie besonders für einen Sonnenbrand. Dieses Risiko wird von vielen Eltern unterschätzt. Jeden Sonnenbrand „merkt“ sich der Organismus. Er kann den Keim für einen späteren Hautkrebs oder andere Hautveränderungen darstellen. Das Empfinden der Erwachsenen ist dabei nicht maßgebend. Was die alte haut eventuell noch reaktionslos verträgt, kann für ein Kind bereits viel zu viel UV-Licht sein. Kinder müssen daher in den Tropen möglichst mit heller Baumwollkleidung vor zu intensiver Sonne geschützt werden. Sonnenschutzmittel mit hohem Lichtschutzfaktor sind ein Hilfsmittel, aber kein Freibrief für Unvernunft!
  3. Besonderen Schutz muss der Kopf des Kindes erhalten. Helle Mützchen oder Hüte sind daher beim Aufenthalt in der Sonne Pflicht, sonst drohen u.a. Sonnenstich oder Hitzschlag.
  4. Vorsicht mit dem Barfußlaufen an unbekannten Stränden oder im Binnenland. Nicht nur Schlangen- und Insektenbisse drohen, auch andere Parasiten können über die Fußhaut eindringen (z.B. Hakenwürmer).
  5. Bewahren Sie die Kinder vor dem unkontrollierten Kontakt mit fremden, auffälligen Haus- oder Wildtieren (s. Reiseapotheke „Tollwut“).
  6. Kleine Verletzungen sind bei herumtollenden Kindern bekanntlich häufig. Sie müssen nicht dramatisiert werden. Auf keinen Fall sollten derartige kleine Wunden jedoch mit Wasser ausgewaschen werden. Zu reinigen ist allenfalls die Wundumgebung. Auch Salben haben auf offenen Wunden nichts zu suchen. Am besten ist es, die kleinen Hautdefekte abzudecken (möglichst sterile Kompressen aus der Apotheke; es genügt aber auch ein sauberes Taschentuch o,ä.). Eine aktuelle Tetanusschutzimpfung entsprechend dem Impfkalender muss allerdings vorausgesetzt werden.
  7. Sollte sich die Wundumgebung röten und anschwellen, wenn die Schmerzen zunehmen oder gar Fieber auftritt, ist ärztlicher Rat erforderlich. Verletzte Regionen sollten möglichst ruhiggestellt werden.

Tipp:
Passen Sie den Urlaub an die Kinder an und nicht die Kinder an den Urlaub!